Offener Brief an Frankfurt-Präsident
Offener Brief von Prof. Dr. Stefan Gandler (University of California) an Prof. Dr. Müller-Esterl (Präsident der Frankfurter Uni räumen lies)
An:
Prof. Dr. Werner Müller-Esterl
Präsident
Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Sehr geehrter Kollege Müller-Esterl,
ich habe aus der Presse entnommen, dass Sie als Präsident der Goethe-Universität einen Polizeieinsatz gegen die protestierenden studentischen Subjekte einer vehementen Kritik der absurden bundesdeutschen Bildungspolitik vorgezogen haben.
Sie geben damit nicht nur ein klares Zeichen an die studentischen Subjekte, in dem Sinn, dass die begrenzte Regelverletzung keinerlei Aussicht auf politische Antworten der kritisierten Entscheidungsträger hat, sondern Sie treten damit einen Schritt in die Richtung der Zerstörung der Universität als Raum der kritischen Auseinadersetzung, in der die Kraft des Begriffs, und nicht die des Festnahmegriffs, die innerinstitutionelle Praxis bestimmt.
In der Konsequenz verwandeln Sie so die Universität in ein Feld, in dem, statt der inneruniversitären rationalen Auseinadersetzung, eine dem akademischen Leben völlig äußerliche, geradezu entgegengesetzte Instanz, eine polizeiliche Hundertschaft, einen objektiv bestehenden Konflikt “lösen” soll.
Auch erschreckt Ihre von der Presse wiedergegebene Wortwahl vom “Hausfriedensbruch” bezüglich der studentischen Subjekte, womit diese als der Universität äußerliche “Fremde” definiert werden, denn nur solchen kann dieses Delikt vorgeworfen werden. Die Wortwahl ist nicht nur juristisch unbedarft, sondern drückt ganz offen eine geringschätzende Haltung gegenüber allen Studierenden der Universität aus, die einem Universitätspräsidenten schlicht nicht zusteht.
In beiden Fällen drückt Ihr Handeln und das beigegebenen Reden im besten Fall ein frappantes Unverständnis universitärer Verhältnisse, oder auch ein anti-aufklärerisches Wissenschaftsverständnis aus.
Als ehemaliger Student, Asta-Vorsitzender und Lehrender der Goethe-Universität sehe ich mich verpflichtet, meinen energischen Protest gegen Ihre falsche und voraussichtlich folgenschwere Positionierung hin zur der Radikalisierung der autoritären Verhältnisse an der von Ihnen heute geleiteten Institution zum Ausdruck zu bringen.
Abschließend möchte ich Sie daran erinnern, dass selbst klar rechtslastige Präsidialabteilungen der Universität Frankfurt Ende der achtziger Jahren von einem Polizeieinsatz gegen streikende Studierende absahen, und der damalige Streik, welcher in der Folge auf das ganze Bundesgebiet sich ausweitete, nicht unerhebliche finanzielle Vorteile für die Goethe-Universität zur Folge hatte (die insgesamt den von Ihnen dramatisierten Nachbestellungspreis für Holzleisten etc. im, auch wegen seiner Macht-Aesthetik nicht umumstrittenen, Poelzigbau um ein tausendfaches überstiegen). Man mag das Kalkül des damaligen Universitätspräsidenten beurteilen wie man will, zumindest hatte er ein instrumentelles Verhältnis zu den Streikenden, gewissen Vorteile für die Institution mit einkalkulierend, anstatt sich zum direkten Handlanger Anderer zu machen. Wer aber sind diese Anderen? Es sind diejenigen gesellschaftlichen Funktionäre, die entgegen aller Empfehlungen solch unverdächtiger Einrichtungen wie der UNESCO, die Bildungsausgaben auf einen historischen Tiefsstand bringen und zugleich, ohne jede reale Kenntnis des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses, stromlinienförmige Bildungs- und Forschungsprozesse zur Norm machen wollen, was, selbst von einer System-imanenten Position aus gesehen, notorisch autodestruktiv ist.
Mit freundlichen Grüssen,
Prof. Dr. Stefan Gandler
University of California, Santa Cruz, CA, 3. Dezember 2009
Mehr zu den aktuellen Ereignissen bei den Bildungsstreikenden Frankfurt findest du hier.


Dezember 4th, 2009 at 13:50
klare Worte, so sollte es sein. schön, dass sich noch Menschen erinnern, was protestierende Studierende in der Vergangenheit schon erreicht haben!
Dezember 4th, 2009 at 14:26
Ne richtige Quellenangabe wäre nett – so ist das nicht zitierfähig. Hat der Herr Prof. Dr. Stefan Gandler keine eigene Webpublikation (bei der UC evtl) wo er das veröffentlichen kann?
Dezember 4th, 2009 at 15:19
Das Schreiben ging wohl direkt an den Präsi in Frankfurt und wurde in Kopie an die dortige Studivertretung geschickt. Auch bei uns werden Statements von ProfessorInnen ja nicht automatisch unter http://www.ohm-hochschule.de veröffentlicht, sondern nur Mitteilungen des Pressebüros. Wir sind aber bemüht, eine offizielle, zitierfähige Quellenangabe nachzureichen, bis dato kann man sich gerne an die Studivertretung in Frankfurt wenden
Dezember 4th, 2009 at 15:53
So, gerade mit den Besetzern/-innen in Frankfurt telefoniert. Der offene Brief kam dort per eMail rein.
Infos zur Besetzung in Frankfurt unter: http://bildungsstreik-ffm.de/
Trotz Räumung sind die “Strukturen” erhalten geblieben, heute Abend tagt dort auch wieder ein Plenum.
Dezember 4th, 2009 at 16:17
Wenn man sich die Viedeos des Casinosnach der Räumung anschaut, so war es höchste Zeit. Das denkmalgeschützte Gebäude ist innen total von Tags und Graffitis verschandelt.
Wer solch ein schwachsinniges und destruktives Benehmen an den Tag legt, kann wohl kaum für sich reklamieren eine politische Aussage treffen zu wollen und brauch sich nicht wundern, dass die bundedeutsche Öffentlichkeit ihn einfach ignoriert.
Dezember 4th, 2009 at 17:27
Deshalb gibt es hier auch den Plenumsbeschluss, dass Vandalismus grundsätzlich unerwünscht und verboten ist. Vandalierer/-innen werden durch uns selbst des Hauses verwiesen. Und Menschen, die sich daneben benahmen und somit die Politische Zielsetzung verfehlten wurden bereits hinausgeworfen. In Sachen Frankfurt bleibt dennoch die Frage offen, welche Schmierereien bereits vorher da waren und nun den Besetzer/-innen in die Schuhe geschoben werden. In zahlreichen Deutschen Unis sind solche Schmiererereien nämlich “normal”. In einer Stadt wie Frankfurt könnte ich mir vorstellen, dass das Gebäude dort bereits zuvor verschmiert war.
Für uns gilt jedoch: Kein Vandalismus!
Dezember 4th, 2009 at 18:00
Obwohl ich natürlich weiß, dass es an der Uni Ffm eine ganze Menge durchgeknallter Chaoten unter den BesetzerInnen gab…
Dezember 5th, 2009 at 00:25
Räumung der Universität nicht gerechtfertigt
Am Donnerstag veröffentlichten Lehrkräfte der Goethe-Universität Frankfurt am Main eine Erklärung zum Vorgehen des Präsidiums der Hochschule gegen die Alternativveranstaltungen im Rahmen des Bildungsstreiks und die Räumung des Casinos im IG-Farben-Haus:
Als Lehrende der Goethe-Universität Frankfurt mißbilligen wir die vom Präsidium getroffene Entscheidung zur polizeilichen Räumung der Universität und den gewaltsamen Abbruch der Alternativveranstaltungen von Studierenden und Dozent/innen im Rahmen des Bildungsstreiks.
Die in der Begründung vorgebrachten Argumente bezüglich der Sachbeschädigungen rechtfertigen nicht die gewaltsame Auflösung von selbstorganisierten Lehrveranstaltungen durch ein Polizeikommando. Die Räumung stellt einen nicht akzeptablen Eingriff in die Freiheit von Forschung und Lehre dar. Die ausschließliche Fokussierung auf »Vandalismus« dient einzig der Delegitimierung und Kriminalisierung des Protests und lenkt von den intensiven inhaltlichen Auseinandersetzungen ab: Bildung braucht Zeit und Raum. Dies zu organisieren war Ziel der Besetzer/innen des Casinos des IG-Farben-Hauses. Sachbeschädigungen sind von der Mehrheit der Besetzer/innen weder unterstützt noch gutgeheißen worden.
In über 70 Workshops haben sich Studierende und Lehrende mit dem dringenden Anliegen einer Analyse und Bewertung der Hochschulreformen sowie der Studien-, Lehr- und Forschungsbedingungen an unserer Universität auseinandergesetzt. Dem von ihnen in Gang gesetzten notwendigen Diskurs hat sich das Präsidium entgegen aller Behauptungen entzogen.
Wir wenden uns entschieden gegen die konfrontative Haltung und Mißachtung der Anliegen der Beteiligten des Bildungsstreiks und fordern die sofortige Einstellung der strafrechtlichen Verfolgung von Studierenden und Dozent/innen. Wir fordern die Universitätsleitung auf, die Aktivitäten im Rahmen des Bildungsstreiks nicht mehr zu behindern.
ErstunterzeichnerInnen:
Christoph Bauer, Dr. Kendra Briken, Dr. Oliver Brüchert, Dr. Sonja Buckel, Simone Claar, Prof. Dr. Alex Demirovic, Prof. Dr. Andreas Eis, Juliane Hammermeister, Prof. Dr. Joachim Hirsch, Johanna Hoerning, Dr. Stefanie Hürtgen, Dr. Dirk Martin, Susanne Martin, Prof. Dr. Frank Nonnenmacher, Dr. Nadja Rakowitz
http://www.jungewelt.de/2009/12-05/055.php
Dezember 5th, 2009 at 15:35
Finde es sehr gut, dass einige Profs den Mut haben, ihre Stimme für Studierende zu erheben!!!!
höchster Respekt!
ich wünsche mir mehr davon….
Dezember 7th, 2009 at 18:16
http://www.vimeo.com/8032263
hier is ne dokumentation über die räumung von
http://bildungsstreik-ffm.de/cms/
Dezember 7th, 2009 at 19:56
Danke für den Hinweis @johnny, habe ihn als Video in einem gesonderten Artikel eingefügt.